Obernburg – Pompeji am Main

Obernburg wird seinem Ruf, das „Pompeji am Main“ zu sein, immer wieder gerecht. Davon konnten sich am Samstag, dem 14. März 2015, mehr als 250 interessierte Besucher überzeugen. Der Förderkreis Mainlimes-Museum hatte zu zwei Führungen eingeladen, in denen der Grabungsleiter Dr. Alexander Reis die Grabung auf dem Grundstück Ecke Römerstraße/Kapellengasse erläuterte.

Wieder hat sich in der Römerstadt Obernburg ein großes Fenster in die antike Vergangenheit geöffnet. Wie die Grabung am Roten Kreuz vor wenigen Monaten besticht auch die aktuelle Grabung mit spektakulären Funden. Deren herausragende Qualität ist der Überdeckung mit Lehm zu verdanken, der einst vom Stadtberg herunterschwemmte und die römischen Kulturschichten konservierte. Was in Pompeji also einst der Ascheregen des Vesuv bewirkte, schuf in Obernburg der Lehm. Damit ist in der Römerstadt in besonderer Weise das UNESCO-Welterbe Limes sichtbar und der Alltag der antiken Vorfahren lebendig.

Nach einer Einführung in die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsweise der Archäologie stellte der Grabungsleiter Dr. Alexander Reis die zentralen Funde seiner seit mehreren Wochen währenden Kampagne vor: eine Jupiter-Gigantensäule und die 1,2 Meter dicken Grundmauern eines Gebäudes.

Die Jupiter-Gigantensäule, die einst etwa fünf Meter hoch war, ist vollständig erhalten. Der 1,1 Meter hohe Viergötterstein, der obligatorische Grundquader einer solchen Säule, zeigt die Götter Hercules, Juno, Merkur und Minerva. Deren Gesichter sind zum Teil abgeschlagen. Eine These erklärt, dass dies im Rahmen innerrömischer Auseinandersetzungen beim Fall des Limes geschah. Hierbei lässt sich eine Parallele zum Weihebezirk der, wenige Meter nördlich der aktuellen Grabung freigelegten Benefiziarierstation feststellen. Dort wurden alle Weihesteine so umgestürzt, dass die Schriftseite mit der Widmung für den Staatsgott Jupiter nach unten zeigte.

Ebenfalls Rätsel geben die massiven, 1,2 Meter breiten Mauerreste auf, die, vier Steinlagen hoch, auf etwa zwölf Meter Länge freigelegt wurden. Die erste Vermutung, es könne sich bei dem Gebäude um eine Therme gehandelt haben, bestätigte sich nicht, denn man fand keine dafür typische Fußbodenheizung. Vielmehr gehen die Überlegungen nun von einem Sakralgebäude aus. Die stark abgetretenen Pflastersteine außerhalb des Mauerwerks lassen einen Umlauftempel als möglich erscheinen.

Dr. Reis stellte darüber hinaus auch einige der kleineren Fundstücke, wie Münzen, Fibeln, Keramik und Metallteile vor. Es wurde deutlich, dass nach dem Graben und Dokumentieren mit der Auswertung der Funde und deren Einordnung in das Gesamtbild ein weiterer hochspannender Teil der Arbeit der Archäologen folgt. Die Reaktionen der Besucher und die intensiven sich anschließenden Gespräche zeigten das starke Interesse an diesem Teil der Geschichte unserer Stadt.

(von Karl Ludwig Katholi)

Die Inschriftenfunde

Obernburg weist, wie die umliegenden Limesorte am Main, reichhaltige Inschriftenfunde auf, die den Bestand anderer Limesabschnitte weit übertreffen. Mit diesen Inschriften werden konkrete historische Persönlichkeiten übermittelt, die in römischer Zeit in der Region lebten. Zu erfahren sind unter anderem Name, Geschlecht, Stand, Beruf, Herkunft, Lebensdaten, Schicksale, kultische Zusammenhänge und bisweilen – in bildlichen Darstellungen – sogar Alltagsumgebung, Kleidung und Tracht.

Lucius Petronius Florentinus

Aufenthalt datiert um 192 n. Chr.

Der Präfekt der im Kastell Obernburg stationierten IIII. aquitanischen Kohorte ist durch drei in Obernburg aufgefundene Weihesteine bekannt. Er wurde in Saldae, dem heutigen Béjaia (Algerien) geboren, wo sich seine aus dem italischen Raum stammende Familie angesiedelt hat. Wie alle Offiziere entstammt auch Lucius Petronius Florentinus einer römischen Ritterfamilie.

Gaius Januarius Victorinus

223 n. Chr.

Gaius Januarius Victorinus ist einer der zahlreichen in Obernburg bekannten Benefiziarier, die durch die Entdeckung der Weihesteine der im Kastellvicus gelegenen Benefiziarierstation überliefert sind. Nach seinem halbjährigen Dienst in der Station, in dem er Aufgaben in der Zivilverwaltung, dem Polizei- und dem Zollwesen wahrnahm, stiftete er im Jahr 223 n. Chr. einen Brunnenstein.
In der Gestaltung nimmt dieser Stein zentrale Elemente der für das Jahr 162 n. Chr. datierten Bauinschrift des Kastells auf.

Marcus Rubrius Zosimus

um 192 n. Chr.

Marcus Rubrius Zosimus ist der aus Ostia bei Rom stammende Kohortenarzt, der an der bereits dargestellten Genesung des Präfekten Lucius Petronius Florentinus von dessen Krankheit Anteil hatte und nahm. Belegt ist dies in einem eigenen Weihestein, den er zur Genesung seines Vorgesetzten errichten ließ.

Ateius Genialis

Mitte 2. Jahrhundert

Der aus Trier stammende Bürger Ateius Genialis ist durch einen Grabstein bekannt, der ihm von seinem Sohn errichtet wurde. Der Grabstein stellt im zentralen Relief ein antikes Totenmahl dar.
Der Verstorbene war möglicherweise Weinhändler im Kastellvicus.

Maiorius Urbanus

206 n. Chr.

Maiorius Urbanus befehligte als Optio eine Sondereinheit der in Mainz stationierten 22. Legion, die in Obernburg zum Holzfällen eingesetzt war. Diese Sondereinheiten haben vermutlich die in Mainz gelegene Schiffswerft mit Eichenholz aus dem Spessart und Odenwald beliefert.
Steine dieser Einheiten sind auch aus den Kastellen Trennfurt und Stockstadt bekannt, die Einheiten sind für den Abschnitt des Mainlimes charakteristisch.

Auxiliartruppen

In Obernburg ist zunächst die Stationierung der I. germanischen Kohorte zu vermuten.
Danach ist die berittene IIII. aquitanische Kohorte mehrfach gesichert nachgewiesen.

Handel im Vicus

In der Benefiziarierstation wurde, vergraben an einem markanten Weihestein, ein Silbervotivblech und eine Bronzestatuette des Merkur entdeckt. Die beiden, wohl aus rituellen Gründen beerdigten Darstellungen dieses Gottes der Händler sind von außerordentlicher Qualität und werden in restauriertem Zustand als Schatzfunde ein herausragendes Exponat des neuen Museums sein.
Inhaltlich lassen sich diese Götterbilder in Beziehung setzen zu dem ausgedehnten Vicus-Bereich, der sich um das Obernburger Kastell herum ansiedelte.

Familie Girisonius

Der Stein zeigt die gallorömische Familie Girisonius mit dem Vater, seiner Frau Bibulia und vermutlicherweise dem Sohn Gibais.
Das aufgefundene Grabmonument, das diesen Stein umgab, lässt auf einen gewissen Wohlstand der Familie schließen, den sie mit einem Gewerbe oder einer Dienstleistung im Vicus des Obernburger Kastells erworben haben muss.

Das römische Obernburg

Informationen und Funde gesucht

Die Ausgrabungen der Obernburger Benefiziarierstation in den Jahren 2000 bis 2007 eröffnen am UNESCO-Welterbe Limes ein weites Fenster in die Vergangenheit. Denn die imperiumweit einzigartigen Funde liefern wichtige Informationen und erzählen spannende Geschichten zum antiken Zeitalter am Main.

Zur Zeit werden die archäologischen Befunde aus den Grabungen von Dr. Bernd Steidl in der Archäologischen Staatssammlung München für eine Forschungspublikation ausgewertet. Dabei kommt die Forschung zu vielfältigen und zum Teil überraschenden Erkenntnissen. Diese erstrecken sich vom Alltagsleben in der Benefiziarierstation über das römische Siedlungsbild am Main bis hin zur Historie des Limes.

Für diese Forschungsarbeit können sämtliche Funde und Informationen zum römischen Obernburg von Bedeutung sein. Möglicherweise verfügen Sie noch über solche Funde und Informationen, die noch nicht wissenschaftlich erfasst und ausgewertet sind. Beispielsweise bereicherte der Bauplan eines Obernburger Hauses aus dem Jahr 1929 das Wissen vom römischen Siedlungsbild, da auf ihm römische Fundamente eingezeichnet waren.

Aus diesem Grund möchten wie Sie aufrufen:

Bitte stellen Sie Funde und Informationen aus Ihrem Besitz für die archäologische Forschung zur Verfügung. Sie können damit ein herausragendes wissenschaftliches Forschungsprojekt am UNESCO-Welterbe Limes unterstützen.

(Die Funde bleiben dabei selbstverständlich in Ihrem Besitz und sämtliche Informationen werden vertraulich behandelt.)

Sie können sich wenden an:

Förderkreis Mainlimes-Museum e.V.

c/o Eric Erfurth

Rosenstraße 6

63785 Obernburg

Telefon 06022-71988

 

Archäologische Staatssammlung München

Dr. Bernd Steidl

Lerchenfeldstraße 2

80538 München

Telefon 089-2112402